Schlacht um England

Schlacht um England

Nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 entschloß sich Hitler, England zur Annahme seiner Bedingungen zu zwingen. In seinen Augen war die Lage Englands aussichtslos geworden. Die kleine britische Armee war auf den Schlachtfeldern Belgiens und Frankreichs entscheidend geschlagen worden. Bei der Räumung Dünkirchens war ein Großteil ihres Kriegsgeräts zurückgeblieben. Auch die britische Luftwaffe hatte sich im Kampf um Frankreich als deutlich unterlegen erwiesen. Um seine Bedingungen diktieren zu können und England zur Kapitulation zu zwingen, befahl Hitler, Pläne auszuarbeiten und Vorbereitungen für eine Invasion Englands von See zu treffen.

Als Zeitpunkt wurde für das „Unternehmen Seelöwe“ der 15. August festgesetzt. Die deutsche Luftwaffe wurde zu Flugplätzen in Küstennähe verlegt. Ihr Befehlshaber Hermann Göring hatte Hitler versichert, daß er die Luftabwehr in Südengland innerhalb von vier Tagen ausschalten und innerhalb von vier Wochen die Royal Air Force vom Himmel radieren würde.

Die Schlacht begann im Juli mit Angriffen auf die Schiffahrt im Kanal. Im weiteren Verlauf des Monats wurden die Angriffe heftiger. Dorniers und Stukas griffen Schiffe und Häfen an. Messerschmitt 110-Jäger gaben Schutz. Hoch oben warteten Messerschmitt 109 darauf, sich über jede britische Maschine herzumachen, die es wagen sollte, sich einzumischen. Die Angriffe auf Kanalziele waren ein Versuch, britische Jäger in den Kampf zu locken.

Den Befehl über das Jagdgeschwader der britischen Luftstreitkräfte hatte Air Chief Marshal Sir Dowding. Dowding wußte, daß die Deutschen in der Luft haushoch überlegen waren. Die Messerschmitt 109 war etwas schneller als die Supermarine Spitfire. Die Hawker Hurricane war langsamer als beide Typen.

Den Spitfire- und Hurricane-Piloten mangelte es zwar nicht an Tapferkeit, dafür aber oft an Erfahrung. Viele der erprobtesten Flieger waren in der Schlacht um Frankreich gefallen. Im Gegensatz dazu waren die Jägerpiloten der deutschen Luftwaffe erfahren und siegessicher. Viele waren schon seit dem spanischen Bürgerkrieg dabei. Sie wußten, was ihre Maschinen leisten konnten und wo die Grenzen lagen – etwas, das die Jägerpiloten der Royal Air Force noch lernen mußten.

In dem Wissen, daß bei einer voll entbrannten Luftschlacht über dem Kanal vom britischen Jagdgeschwader nicht viel übrig bleiben würde, setzte Dowding immer nur einen Teil seiner Kräfte gegen eindeutig identifizierte und klar definierte Ziele ein. Als Vorteil hatte er auf seiner Seite das beste Luftabwehrsystem der Welt.

Seit 1936 hatte Dowding die britische Luftverteidigung in revolutionärer Weise neu organisiert. Eine Kette von Radarstationen entlang der Küste alarmierte die Leitzentrale des Jägerkommandos. Die Bodenflugleiter lenkten alle Operationen; von ihnen wurden die Jäger zu ihren Zielen und in die richtige Flughöhe geleitet. Während der gesamten Gefechtsdauer blieben die Leitoffiziere in Kontakt mit den Jägern und dirigierten sie dorthin, wo ihr Einsatz am meisten gebraucht wurde.

In der kritischen ersten Runde der Schlacht um England schonte Dowding seine Jäger und ermöglichte es seinen Piloten, Erfahrungen zu sammeln und Vertrauen in ihre Maschinen zu gewinnen. In dieser Zeit wurde die Luftverteidigung noch weiter perfektioniert.

Am 13. August weitete Göring die Angriffe auf Ziele in England selbst aus. Die Schlacht trat in die entscheidende Phase. Flughäfen, Radarstationen und andere wichtige Einrichtungen waren der Schwerpunkt der Offensive. Den ganzen August über gingen die Angriffe ununterbrochen weiter. Die Verluste wuchsen auf beiden Seiten. Wegen ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit konnten sich die Engländer den Verlust von Flugzeugen nicht leisten, und noch weniger den von Piloten. In den letzten 10 Augusttagen verlor Dowding 126 Jägerpiloten. Das entsprach 14 Prozent der Gesamtzahl. Das Trainingsprogramm wurde so gestrafft, daß neue Piloten nach nur zehnstündiger Grundausbildung den ersten Kampfeinsatz flogen. Viele starben nach nur wenigen Minuten ihres ersten Gefechts.

Um nur möglichst wenige seiner kostbaren Piloten zu verlieren, gab Dowding den Befehl aus, keine deutschen Maschinen über dem Kanal zu verfolgen. Er befahl außerdem, Kämpfe mit feindlichen Jägern möglichst zu vemeiden und sich statt dessen auf die Bomber zu konzentrieren, die bessere Ziele abgaben.

Beide Seiten litten unter wachsenden Verlusten und Erschöpfung, aber die Deutschen waren immer noch von der Zahl der Piloten und Maschinen her überlegen. Sehr viel länger würde die britische Luftverteidigung den Angriffen nicht standhalten können.

Am 7. September verlagerten die Deutschen den Angriffsschwerpunkt von der britischen Luftabwehr auf die Hauptstadt London. Die Bombardierung richtete schwere Schäden an und forderten viele Menschenleben, verschaffte dem Jägerkommando aber die dringend benötigte Atempause. Genutzt wurde sie, um Flughäfen und Flugzeuge zu reparieren und die Luftverteidigung wieder instandzusetzen, während sich die erschöpften Piloten erholen konnten.

Am 15. September befahl Göring in der Überzeugung, die Royal Air Force stünde kurz vor dem Ende, einen Großangriff, mit dem er hoffte, dem Gegner den entscheidenden Schlag zu versetzen. Als Datum der Invasion war nun der 17. September angesetzt. Doch dieses eine Mal warf das Jägerkommando den deutschen Formationen alles entgegen, was es an Kräften aufzubieten hatte.

Noch nie hatte die deutsche Luftwaffe derart heftige Angriffe erlebt. Ganze Formationen wurden auseinandergetrieben. An nur einem Tag gingen 57 deutsche Maschinen verloren. Nun war klar, daß die Royal Air Force alles andere als schon bald erledigt war. Zwei Tage später verschob Hitler die geplante Invasion auf unbestimmte Zeit.

Die Schlacht um England hatte genau genommen für keine Seite den Sieg gebracht. Die deutsche Luftwaffe hatte zwar schwere Verluste einstecken müssen, war aber nicht entscheidend geschlagen worden. Zum erstenmal hatten sich die Deutschen jedoch militärisch eindeutig nicht durchsetzen können, was insofern einen Wendepunkt des Krieges darstellte. In England und selbst in den Trümmern Londons war die Moral noch nie besser gewesen. Die Bevölkerung wußte, daß ihr Jägerkommando nicht geschlagen war und auch in Zukunft nicht besiegt werden würde. In Deutschland würde man eine Invasion Englands nie wieder ernsthaft erwägen.

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